Salon Mai 2019 #1 – Filmabend anlässlich 70 Jahren BRD

Wann:
Mai 16, 2019 um 20:00
2019-05-16T20:00:00+02:00
2019-05-16T20:15:00+02:00
Wo:
Art Store St. Pauli
Wohlwillstr. 10

DO 16.5.2019 ab 20:45:
Ein Filmabend anlässlich 70 Jahren BRD.

Wir zeigen zuerst „Ich lache Tränen, heule Heiterkeit“ von 1973 über den Gesellschaftsausstieg des großen Kabarettisten Wolfgang Neuss, der einer der intelligentesten Kritiker der jungen West-BRD in den 1950ern und 1960ern war.

Kühn und Neuss (rechts) bei den Filmaufnahmen.

Wolfgang Neuss war „der Mann mit der Pauke“, verriet am Vorabend der Erstausstrahlung den „Halstuchmörder“, was ihm die reizbare Republik schwer übel nahm, kreierte jede Menge legendäre Bonmots, darunter „Heut‘ mach ich mir kein Abendbrot, heut‘ mach ich mir Gedanken“ oder „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen“. In den 1960ern stieg Neuss aus. Verweigerte sich. Komplett. Volker Kühn porträtierte ihn dann 1973. Neuss sagt in dem Film: „Ich wollte wieder unbekannt werden.“ Das ist ihm gelungen. Wer Neuss nicht kennt, sollte ihn an diesem Abend unbedingt kennenlernen.

Danach gibt es das berühmte TV-Gespräch von Günter Gaus mit Hannah Arendt von 1964. Als Gaus sie fragt, wann sie vom Holocaust, wann sie vom Holocaust erfahren habe, antwortet Arendt:

„Das war 1943. Und erst haben wir es nicht geglaubt. Obwohl mein Mann und ich eigentlich immer sagten, wir trauen der Bande alles zu. Dies aber haben wir nicht geglaubt, auch weil es ja gegen alle militärischen Notwendigkeiten und Bedürfnisse war. Mein Mann ist ehemaliger Militärhistoriker, er versteht etwas von den Dingen. Er hat gesagt, laß dir keine Geschichten einreden; das können sie nicht mehr! Und dann haben wir es ein halbes Jahr später doch geglaubt, weil es uns bewiesen wurde. Das ist der eigentliche Schock gewesen. Vorher hat man sich gesagt: Nun ja, man hat halt Feinde. Das ist doch ganz natürlich. Warum soll ein Volk keine Feinde haben? Aber dies ist anders gewesen. Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wieder gutgemacht werden können muss. Dies nicht. Dies hätte nie geschehen dürfen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation der Leichen und so weiter – ich brauche mich darauf ja nicht weiter einzulassen. Dieses hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden. Über alle anderen Sachen, die da passiert sind, muß ich sagen: Das war manchmal ein bißchen schwierig, man war sehr arm, und man war verfolgt, man mußte fliehen, und man mußte sich durchschwindeln und was immer; wie das halt so ist. Aber wir waren jung. Mir hat es sogar noch ein bißchen Spaß gemacht. Das kann ich gar nicht anders sagen. Dies jedoch, dies nicht. Das war etwas ganz anderes. Mit allem andern konnte man auch persönlich fertig werden.“

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